Das Geläut, die "Sprache" der Glocken

Die "Sprache" der Glocken für das dörfliche Leben

Wir müssen uns etwa 100 Jahre zurückversetzen, als es noch keine Armbanduhren gab. Allenfalls hatte man eine Pendeluhr zu Hause, eine eventuell vorhandene Taschenuhr wurde nicht mit auf´s Feld genommen. Es gab auch noch keine Traktoren, keine Autos, kein Radio, keine Elektrizität, keine

Mähdrescher usw. Also zog man in Sommer mit Sack und Pack und den Kindern auf´s Feld. Der Wagen wurde von Kühen, reiche Bauern hatten Ochsen, auf das Feld gezogen. Erst später konnten sich Bauern Pferde leisten, die vor den Wagen gespannt wurden.

Das Glockengeläut konnte im großen Umkreis gehört werden, da es noch keine Fremdgeräusche durch Verkehr gab. Also bestimmte das Glockengeläut auch das Leben auf dem Feld.

Um 5 Uhr in der Früh wurde zunächst einmal mit der Stallarbeit, Vieh füttern, melken und misten, begonnen. Um 7 Uhr läutete es zum Morgengebet und Tagesbeginn. Ab etwa 7 Uhr wurde mit der Hausarbeit begonnen oder der Wagen für die Fahrt auf´s Feld gepackt. Neben den für das "Tagwerk" nötigen Geräten wurden auch ein Vesper und Most im Steinkrug mitgenommen. Während gearbeitet wurde, spielten die Kinder auf dem Feld. Zum Schutz vor der Sonne (Sonnencremes mit Lichtschutzfaktor gab es natürlich auch noch nicht) trugen die Frauen neben einer Schürze weiße mit schwarzen Mustern versehene Kopftücher, die nach hinten gebunden wurden. Die Männer arbeiteten mit einem Strohhut auf dem Kopf.

Beim 11-Uhr-Läuten (Ein Spruch aus dieser Zeit: "Elfe, Weib koch, zwölfe wird's doch") gingen die Frauen nach Hause um das Essen zu kochen. Beim
12-Uhr-Läuten kamen alle anderen zum Essen vom Feld. Beim 5-Uhr-Läuten am Nachmittag gingen wiederum alle nach Hause um im Stall weiter zu arbeiten. Erst nach der Stallarbeit wurde dann gevespert. Abends um 7 Uhr läutete es wieder zum Abendgebet.

An jedem Samstag Abend läuteten sämtliche Glocken um 7 Uhr den Sonntag ein. Das Glockengeläut zeigte auch an, wenn jemand im "Flecken" verstorben war, wenn es Feuer gab, wenn ein Gewitter nahte und wenn ein Krieg begann. Das Leben war also ohne das Geläut der Glocken gar nicht vorstellbar und bestimmte den Tagesablauf und das sonstige Geschehen. Die Glocken waren also wesentlich genauer, als sich nach dem Sonnenstand zu richten.

Gertrud Beuttler/Claus-J.Becker